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Kriegen das eigentlich alle von Antje Helms

Mädchen und Jungen an der Schwelle zur Pubertät haben unzählige Fragen: was da auf sie zukommt, was mit ihnen passiert, und ob das alles so normal und richtig sein kann. Dieses Buch antwortet ihnen, in 70 kleinen Kapitel und 100 Fotos.

Irgendwann nach dem neunten Geburtstag ist es oft so weit: das Kind schließt die Badezimmertür ab, setzt keine Mützen mehr auf und weigert sich, weiterhin in der bislang heiß geliebten Yakari-Bettwäsche zu schlafen: das ist sie dann, die so genannte Vorpubertät, in der die Hormone langsam Fahrt aufnehmen.

Spätestens dann sollten die Kinder wissen, was in ihrem Körper passiert – die meisten wollen es auch, sind höchst interessiert an diesem Thema. Allerdings ist es vielen peinlich, mit ihren Eltern darüber zu reden. Besonders, weil sie ja weniger am genauen Ablauf des weiblichen Zyklus oder anderen biologisch korrekten Details interessiert sind. Sondern, ob der Penis zu klein ist, der Bart zu früh, der Busen zu groß, die Periode zu spät; ob Tampons weh tun, ob man an den Tagen verbluten kann; wann das erste Sperma kommt?

In jeden Haushalt mit vorpubertierenden Kindern gehört deshalb ein gutes Buch zu diesen Dingen. Als Gesprächsleitfaden zwischen Eltern und Kindern, aber auch als Informationsquelle. Denn nicht jedes Kind hat Eltern, die überhaupt über Menstruationsblut, Kondome oder Zungenküsse reden wollen.
„Kriegen das eigentlich alle?“ ist solch ein gutes Buch.

Die Autorin Antje Helms versucht all diese Fragen, die unter den Kindern kursieren, zu beantworten. Dafür hat sie diese in fünf Bereiche sortiert: „Vom Wachsen und Verändern“, „Vom Mädchensein und Jungesein“, „Vom Verknalltsein und von der Liebe“, „Vom Küssen und vom Sex“, „Vom Schwangerwerden und Kinderkriegen“. Jede Frage bekommt eine halbe bis ganze Seite Antwort; locker gesetzt – das Buch dürfte also auch leseunlustige Kinder nicht allzu sehr verschrecken. Inhaltlich stellt Helms nicht die Biologie, medizinische Fakten oder Sex- und Verhütungstechniken in den Vordergrund, sie erläutert nichts bis ins kleinste anatomische Detail. Sondern sie nutzt den Platz, um Anekdoten und Geschichten einzustreuen: zum Beispiel die von den Bonobo-Affen, die statistisch alle anderthalb Stunden Sex haben; dass Regenwürmer oder Kopfläuse sich ohne Partner fortpflanzen können; oder dass der Weltrekord im Dauer-Küssen aktuell bei 50 Stunden liegt, weswegen das Buch sehr unterhaltsame Lektüre ist. Nur manchmal kippt der Tonfall in die leider für Aufklärungsbücher oft übliche, betulich pädagogische Gesundheitssprache: dann spielen die Hormone verrückt, werden angekurbelt, rauschen in den Keller und bei Liebeskummer müssen dann die negativen Gefühle zugelassen werden. Aber, wie gesagt, das passiert nur manchmal. Über weite Strecken versucht das Buch, den Kindern zu vermitteln, dass alles eigentlich easy ist: Nein, Sex ist nicht gefährlich, wenn ihr ein paar Regeln beachtet. Nein, beim ersten Mal blutet es meist nur ein bisschen. Alle kommen in die Pubertät, irgendwann, fast alles ist normal und ja, du bist in Ordnung. Genau der richtige Tonfall in einer Zeit, in der vor allem Gerüchte kursieren, die Besorgnis der Eltern zu spüren ist und die Beschäftigung mit Sex doch hauptsächlich theoretisch ist.

Besser als gut sind die Fotos:Sie tragen maßgeblich zu dem ermutigenden Gefühl bei, dass die kommenden Jahre schön lebendig blumig bunt werden können. Es gibt zahlreiche Fotos – meistens ganz- oder sogar doppelseitig – sie sind bunt, fröhlich und sehr originell. Normal hübschen Mädchen und Jungen wurden hier Pickel aus Gänseblümchen, Bärte aus Gras, Schamhaare aus Lupinen und Klee sowie Luftballonbabybäuche „anmontiert“. Okay, das macht es vielleicht ein bisschen mädchen-lastig. Aber: Das Geheimnis der Bilder liegt darin, dass sie so alles zeigen, wie es ist. Aber nicht abstrakt, abschreckend oder peinlich wirken, wie es bei den üblichen weichgezeichneten Symbolfotos mit verträumt-besorgt blickenden pickeligen Teenagern, bei medizinischen Unterleibsquerschnitten oder echten nackten Menschen der Fall ist. Ein Beispiel: Das Kapitel über Penisse ziert eine Seite voller unterschiedlicher Mohrrüben. Damit ist alles gesagt, Schmunzeln inklusive. Eine Seite voller echter langer, dünner, kurzer, krummer, schrumpliger Penisse möchte eine 9-Jährige sich wahrscheinlich lieber gar nicht erst vorstellen.

Dieses Buch ist auch für die Eltern: können sie doch so herausfinden, welche Fragen die Kinder und Jugendlichen wirklich haben und welche Art der Antwort ihnen am besten weiterhilft. Dass schlichte Worte besser sind als besonders fachliche oder jugendliche: „Sex haben“ also statt „Geschlechtsverkehr“ oder „Poppen“. Wie man sachlich und freundlich über Menstruationsblut, Kondome oder Zungenküsse reden kann, wenn man es denn dann doch tun möchte.

Fazit:

Der Untertitel dieses Buches lautet: die besten Antworten zum Erwachsenwerden. Für Kinder, die mit dem Erwachsenwerden gerade erst anfangen, stimmt das genau. Die besten Fotos hat das Buch auf jeden Fall! Und deshalb gehört es in jeden Haushalt, in dem so ein neugieriges, vorpubertierendes Kind lebt.

Sigrid Tinz

Quelle:www.kinderbuch-couch.de


 

 



Zuletzt geändert von Matthias Kehmeier (kehmeier)  am 7.9.2013  um 07:53
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