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Bär im Boot von Dave Shelton

 

[ab 9 Jahren]

Ausgezeichnet mit dem Kinderbuch-Couch-Star*. Kinderbuch des Monats [05.2013]. Das Boot, das Meer, ein Junge und ein Bär. Das sind Dave Sheltons Zutaten zu einem witzigen und zugleich tiefgründigen Abenteuer. Wieso der Junge im Boot des Bären landet, wo er hinwill und woher der Bär weiß, wohin er rudern muss, das erfahren wir nicht. Dafür aber ganz viel über Zuversicht, Vertrauen und Freundschaft …

Der Junge steigt in das Ruderboot des Bären, der „Harriet“. Nur das Boot hat in dieser Geschichte einen Namen, der Bär ist einfach nur der Bär – offensichtlich aber ein Eisbär – und auch der Junge bleibt namenlos. Ihr Ziel bleibt unbekannt, ebenso die persönlichen Hintergründe der beiden ungleichen Reisenden. Nur eines ist klar: Der Bär ist der Kapitän, die „Harriet“ sein Boot und der Junge sein Passagier – und dieser macht sich auch alsbald so seine Gedanken über die Seefahrerkünste des Bären. Wohl auch nicht ganz unberechtigt, denn als der Junge nach seinem Nickerchen aufwacht, sieht er kein Land mehr, nur noch Meer. Das wird sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte nicht ändern, weshalb sich der Junge irgendwann echte Sorgen macht. Als er es auch noch offenkundig wird, dass der Seebär nicht einmal an dem Stand der Sterne deuten kann, wohin die Reise gehen soll, zweifelt der Junge restlos an den Fähigkeiten des Bären. Dann wird es irgendwann richtig langweilig: Der Himmel ist blau, das Meer ist blau die „Harriet“ bietet auch keine großen Geheimnisse mehr, sogar der Comic, den ein Fahrgast liegen gelassen hat, bietet nur wenig Reize. Höhepunkt für den Bären ist die tägliche Teezeit, in der er die Zubereitung seines Tees zelebriert. Irgendwann geht der Proviant zur Neige – bis auf ein Sandwich, das sich selbst aus der Brotdose auf und davon gemacht hat. Das will der Junge selbst in der größte Not nicht essen. Der Bär und der Junge versuchen ihr Glück beim Angeln und es läuft auch ganz gut; sie verwenden einen zu kleinen Fisch, um einen größeren zu fangen und weil das so gut lief, hat der Bär die Idee mit einem richtig großen Fisch noch einen größeren zu fangen …das geht nicht gut. Was auftaucht, ist alles andere als ein schmackhafter Seefisch, sondern ein echtes Ungeheuer. Wie es dazu kommt, dass das Ungeheuer sich das Sandwich mit Eigenleben einverleibt und was danach geschieht, ist eine der witzigsten Stellen des Buches und ich möchte den Leser/innen den Spaß daran nicht vorweg nehmen.

Jedoch: Nicht erst dieses Abenteuer macht den Jungen ziemlich wütend auf den Bären. Es geschehen noch so manche Tiefschläge, die die beiden meistern müssen. Der Versuch des Kapitäns anhand einer ganz und gar blauen Karte unter Beweis zu stellen, er könne ihren Standort bestimmen, überzeugt den Jungen dabei gar nicht. Bei alledem behält der Bär jedoch eine geradezu stoische Ruhe und gibt noch immer vor, einen genauen Plan zu haben. Wenn da bloß diese Anomalien im Strömungsverlauf nicht wären …

Es kommt wie es kommen muss, der Junge wird gemein zu dem Bären, der Bär ist beleidigt und als dieser nach einem schlimmen Streit eines Morgens nicht mehr im Boot sitzt, bekommt der Junge dann doch Panik. Schließlich begreifen beide, dass sie aufeinander angewiesen sind, wenn sie dieses Abenteuer überstehen wollen. Dabei wechseln sie auch schon mal die Rollen – von einem versierten Seebären zu einem Häufchen Elend und von einem verängstigten Kind zu einem klugen und mutigen Kämpfer. Als sie scheinbar alles verloren haben, sogar ihren Weg, taucht wieder ein Schimmer Hoffnung am Horizont auf. Wo die Reise endet? Das verrate ich nicht, denn nur eines ist am Ende wichtig: Sie haben sich selbst und einander gefunden.

Dave Shelton´s kleine aber vielschichtige Geschichte, in der der Weg das Ziel ist, erinnert vielleicht an „The Life of Pi“ – jenem Bestseller, in dem ein Mann erzählt, wie er als Junge zusammen mit einem bengalischen Tiger in Seenot geraten ist. Doch damit hat unser „Bär im Boot“ nicht wirklich etwas zu tun. Zwar geht es auch hier um Freundschaft, Zusammenhalt und gegenseitiges Vertrauen, aber unterschwellig fühlte ich mich mehr und mehr an einen Eltern-Kind-Konflikt erinnert. Die unbändige Wut des Jungen, seinen Drang das „Schlimmste“ zu sagen – und seine Reue, wenn er es getan hat, ja sogar während er die Dinge gegen den Bären ausspricht – kommt mir bekannt vor. Dagegen der Bär, der nicht zugeben kann, dass auch er sich einmal irren – verirren – kann. Der Seebär, der vorgibt, für alles eine Lösung zu kennen, der alles tut, damit der Junge keine Angst hat. Der nicht nur die Ruhe selbst, sondern auch voll unerschöpflicher Kraft ist – wenn man bedenkt, dass er tagelang rudert ohne jemals wirklich müde zu werden – er zeigt es dem Jungen zumindest nie. Dabei machen beide einen Reifeprozess durch, lernen den anderen kennen, seine Schwächen, seine Stärken.

Aber Dave Shelton erzählt in seiner zunächst so leicht und humorvoll anmutenden Geschichte auch von der Reise eines jeden von uns. Am Ende zählt nicht, was wir gewonnen oder verloren haben, sondern was wir daraus machen. Wie wir alle lernen müssen, die Ungewissheit zu ertragen, keinen Plan zu haben, keine Kontrolle über die Dinge – die verrückte Reise über das endlose Meer als einen eigenen Sinn zu verstehen. „Bär im Boot“ ist also viel mehr als ein unterhaltsames Kammerspiel mit nur zwei Hauptdarstellern. Und kaum angelesen, legt man dieses ungewöhnliche Abenteuer dann nicht mehr aus der Hand. Dabei nimmt uns seine Dramaturgie uns auf sehr kluge Weise gefangen; beginnt es zunächst urkomisch, entwickelt es sich fast unmerklich zu einer überaus klugen Geschichte. So wie der Bär den Jungen braucht, der sein Handeln hinterfragt, braucht der Junge den Bären, dem immer irgendetwas einfallen wird – und wenn es von jetzt auf gleich sein muss..

Mit Charme und Humor ist auch am besten das Buch selbst zu beschreiben. Es hat ein kleines Format, dicke Buchdeckel und liegt einigermaßen schwer in der Hand. Der Clou ist bereits der Einband, der schon alt und abgegriffen wirkt, so, als habe man das Buch selbst auf der „Harriet“ gefunden. Bei der Lektüre des Buches wird dann auch klar, was der Ring einer Tasse auf dem Cover zu suchen hat. Die Teeleidenschaft des Bären ist die Antwort darauf. Die Illustrationen stammen von Dave Shelton selbst und ich kann nur sagen, sie sind in ihrer Vielfalt und in ihrem Ausdruck mehr als gelungen. Von einfachen Strichzeichnungen, über „Meeresverläufe“, die sich über zwei Buchseiten erstrecken, bis hin zu doppelseitigen, vierfarbigen Illustrationen, umgeben, begleiten und betonen die humorvollen Zeichnungen von Bär und Junge fast jede Seite der Geschichte. Auch an dem nur wenig verständlichen Comic – einzig unterhaltsames Mittel, das dem Jungen in der Eintönigkeit des sich endlos dahin streckenden Ozeans zu Verfügung steht – lässt uns Dave Shelton teilhaben.

Fazit:

Hält man Dave Sheltons „Bär im Boot“ einmal in den Händen, weckt es sofort die kindliche Neugier in jedem von uns – egal ob wir 9 oder 99 Jahre alt sind. Es ist ein kluges Buch, das uns mit Charme und einem herzlichen Lächeln Mut macht, das Leben auf dem großen, unberechenbaren Ozean nicht so schwer zu nehmen.

Stefanie Eckmann-Schmechta

 

Quelle: www.kinderbuch-couch.de 



Zuletzt geändert von Matthias Kehmeier (kehmeier)  am 2.7.2013  um 05:38
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